|
|
|
IBD ist die Abkürzung für die englische Bezeichnung
"Inclusion Body Disease", zu deutsch: Einschlusskörperchen
- Krankheit.
Dieses ist eine Viruserkrankung, welche auch umgangssprachlich "Schlangen-AIDS"
oder auch "Boa-AIDS" genannt wird.
IBD ist ansteckend (hoch ansteckend ist aufgrund der Tatsache, dass Tiere
auch längere Zeit nebeneinander leben können, ohne sich nachweisbar
zu infizieren, nicht ganz richtig), verläuft immer tödlich (wenn
man den Zeitraum außer Acht lässt) und zurzeit unheilbar.
Zuerst trat diese Erkrankung in den USA auf, aber im Verlauf dann auch
in Afrika, Australien und Europa.
Gerade die Erkrankungen in Australien, einem Staat, der schon 30 Jahre
Einfuhrverbote auf sämtliche Tiere praktiziert, sind rätselhaft,
wenn man illegale Importe ausschließen will.
Denn man muss eines wissen: IBD kommt hauptsächlich in der Terraristik
bzw. in Gefangenschaft vor, das Vorkommen in der Natur ist bis heute nicht
geklärt! Es ist zwar öfters vorgekommen, das bei einem als "Wildfang"
deklariertem Tier auf dem Sektionstisch IBD festgestellt wurde, es bleibt
jedoch die Frage offen, ob sich diese Tiere schon in der Natur oder erst
während der Gefangenschaft mit dem Virus infizierten.
Die ersten Fälle wurden Mitte der 1970er bei Pythons festgestellt,
bei Boas erst Anfang der 1980er.
Man geht noch heute davon aus, dass IBD ursächlich auf einem Retrovirus
basiert. Retroviren gehören zu der Familie der RNS-Viren, welche
eine sehr komplexe Innenstruktur aufweisen und das körpereigene Immunsystem
vor fast unlösbaren Aufgaben stellt.
Normalerweise erkennt der Körper bzw. das Immunsystem Viren anhand
deren Form und veranlasst die Produktion sogenannter Antikörper,
deren Aufgabe nichts anderes ist, den Virus "aufzufressen".
Einige Retroviren haben aber leider die Unart an sich, sich stetig zu
verändern und somit dem Körper, der gerade erst ein Antikörper
gebildet hat, keine Chance zu geben, diesen zu bekämpfen. Da die
Bildung neuer Retroviren schneller von Statten geht als die Bildung immer
wieder neu angepasster Antikörper, ist die körpereigene Abwehr
immer im Hintertreffen und so was wie machtlos. Ein dauernder Kreislauf,
bei dem das Immunsystem ständig hinterher hinkt.
|
|
Wo kommt IBD vor und
was für Folgen hat IBD?
|
|
|
Die häufigsten Diagnosen findet man bei Boiden - und
hier besonders bei Boinae. Es wurden u. a. Fälle bei Eunectes murinus
(Grüne Anakonda), Boa constrictor, Epicrates striatus (Haiti
Boa), Python mol. bivitattus (dkl. Tigerpython), Python mol. molurus
(heller Tigerpython), Python reticulatus (Netzpython), Python
regius (Königspython), Morelia sp. variegata (Teppichpython)
und Morelia sp. spilota (Diamantpython). Es sollen jedoch auch schon
Fälle bei Bothriechis marchi (Palmenlanzenotter), und Lampropeltis
getulus (Königsnatter) festgestellt worden sein (Dr. E. Jacobson, 2009).
Wie man sieht, betrifft es hauptsächlich Boiden (Riesenschlangen) aus
allen Erdteilen. Über die Jahre hinweg sind auch Boas quantitativ häufiger
befallen und aus eigener Erfahrung und Berichten ist IBD zu heutiger Zeit
in Deutschland und den USA verhältnismäßig eher ein Problem
bei Boas, insbesondere bei Boa constrictor. |
Die Auswirkungen und Symptome sind aber bezogen auf die Unterfamilien
ganz andere.
Bei Pythons sind die offensichtlichen Symptome weniger stark ausgeprägt
als bei Boas, dafür sterben Pythons im Vergleich zu Boas verhältnismäßig
schnell. Während Boas teilweise Jahre mit dem Virus im Körper
symptomfrei leben können, ohne dass die Krankheit ausbricht, überleben
sie diese Krankheit auch nach dem Ausbruch der Infektion noch Monate.
Pythons sterben dagegen innerhalb weniger Wochen.
Boas zeigen ihre Infektion meist in Fehlern im zentralen Nervensystem.
So sind sie dann im fortgeschrittenen Stadium nicht mehr in der Lage,
sich selbstständig aus der Rückenlage wieder in die Bauchlage
zu drehen und/oder es treten Verminderungen oder gar totale Verluste von
Reflexen ein. Weiterhin ist das "Stargazing " ein bedeutsames
Symptom, ebenso wie eine Verdrehung der Pupillen (siehe Fotos unten).
Gelegentlich kommt es auch zu Sarkom-Bildungen, wobei es nicht geklärt
ist, ob diese
|
hier eine Boa, die es nicht mehr schafft, sich selbstständig
aus der Rückenlage in die Bauchlage zu bewegen
|
eine unmittelbare Folge der Erkrankung sind oder einfach
nur durch die Schwächung des Immunsystems auftreten.
Andere Anzeichen sind chronisches Erbrechen, extremer Gewichtsverlust, Infektion
der Atmungsorgane, Häutungsprobleme (durch die Unfähigkeit, durch
kontrollierte Bewegungen die alte Haut abzustreifen) als auch Schlaffheit/Trägheit.
Juvenile Boas scheinen besonders zu Beginn der Erkrankung letztere Anzeichen
- die sogenannte "schlaffe Lähmung" - häufig zu zeigen.
Boas (die Pythons haben eigentlich öfter neurologische Symptome,
die Boas eher andere Erkrankungen) müssen nicht unbedingt die neurologischen
Symptome zeigen, es treten auch manchmal nur körperliche Gebrechen
zutage.
Neben den schon o. g. körperlichen Symptomen (abgesehen dem chronischen
Erbrechen) ist auch oft eine Stomatitis zu diagnostizieren, weiterhin
neigt das Tier zu übertriebenen Reflexbewegungen oder Verwirrung
(durch voranschreitende Erblindung verstärkt).
Es endet mit dem Verlust der Fähigkeit, sich kontrolliert zu bewegen,
was im Endstadium bedeutet, dass das Tier weder Beute schlagen, töten
oder gar fressen kann.
Auch kann IBD in einigen Fällen zu einer chronischen Darmerkrankung
führen. Die Entzündung eines oder mehrerer Darmabschnitte -
hervorgerufen durch eine gestörte Immunreaktion - kann teilweise
zwischen einigen Wochen bis mehreren Monaten dauern, bis das Tier stirbt.
Wie schon oben angedeutet, ist es nicht unüblich, dass bei einer
Boa IBD festgestellt wurde (wie, dazu kommen wir später), aber das
Tier keinerlei Symptome zeigt - und das über Jahre hinweg. Solche
Fälle sind mehrfach dokumentiert und zeigen, dass bei Boas das Vorhandensein
von Einschlusskörperchen nicht unbedingt mit dem Ausbruch der Krankheit
an sich einhergehen muss.
Da das Tier aber eine Ansteckungsgefahr für alle anderen Tiere bedeutet
(selbst für fremde Tiere, stellen Sie sich vor, Sie besuchen einen
guten Freund mit Reptilien!), sollten Sie es von anderen Tieren getrennt
halten, nach Möglichkeit in einem separaten Raum oder an einen anderen
Halter, der vielleicht nur einzelne Tiere halten möchte, mit Hinweis
auf die Erkrankung abgeben.
Die oft "verwendete" Möglichkeit der Euthansie ist natürlich
die härteste Alternative und sicherlich bezüglich Bestandsschutz
möglicher anderer Bestandstiere die effektivste, aber sie verstößt
auch gegen das Tierschutzgesetz.
Denn auch wenn man bis heute nicht wirklich etwas Genaues über den
Weg der Ansteckung weiß, deutet vieles darauf hin, dass auch der
Mensch selber Überträger sein kann. Also nicht nur Ausscheidungen
wie Urin und Kot und Speichel, der direkte Kontakt zwischen zwei Tieren,
das Trinken aus einem Wasserbehältnis. Natürlich sind auch die
ungeborenen Embryonen im infizierten Mutterleib betroffen.
Vor einigen Jahren nahm man noch an, dass die Schlangenmilbe für
die Übertragung verantwortlich ist.
Ich denke, dass das sicherlich ein Weg sein kann, da dieser Ektoparasit
schließlich vom Blut des Wirts lebt und bei Vergesellschaftungen
natürlich den Virus auf ein zweites Tier übertragen kann. Jedoch
halte ich die Häufigkeit, in denen IBD und gleichzeitig ein Milbenbefall
festgestellt wurde, eher für ein grundsätzliches Hygiene-Defizit
beim Halter als denn als alleinigen Grund oder gar Quelle der Krankheit.
Außerdem wurde die Schlangenmilbe bei Weitem nicht bei jeden IBD-Fall
gefunden - was aber wiederum, aufgrund der längeren Inkubationszeit
von IBD, auch nichts heißen muss, der Milbenbefall kann schon längst
erfolgreich behandelt worden sein, bis die Virenkrankheit erkenntlich
ausbricht. Aber Untersuchungen dazu wurden noch nicht mal gestartet, geschweige
denn dass es dazu vertrauensvolle Veröffentlichungen dazu gibt.
|
 |
|
Die geschilderten Verhaltensmuster und Auffälligkeiten sind KANN-Symptome,
keine MUSS-Symptome, d. h. nicht alle müssen vorhanden/diagnostizierbar
sein, auch die Intensität kann variieren.
So ist bis dato noch nicht geklärt, warum gesund erscheinende Tiere
auf einmal Virusbestandteile im Blut haben ("verdächtige bzw.
positive" Ausstriche) und kranke Tiere mit deutlichen Symptome nicht
immer (es gibt auch "falsch negative" Befunde, wenn im Blut
nichts nachzuweisen ist und das Tier trotzdem IBD hat).
|
|
Sarkom bei einer Boa
|
Die Universität von Florida / Abt. Veterinärmedizin
arbeitete an einem pharmazeutischen Test zur Erkennung von IBD, jedoch gab
es einige Probleme, so dass die Forschung komplett neu ansetzen muss. Die
IDDEX-Laboratorien in den USA hatten schon sehr früh ein Interesse
daran, einen solchen Test zu entwickeln, haben dieses Vorhaben aber dann
aufgrund "mangelnder Vermarktungsfähigkeit" wieder fallen
lassen.
In Amerika scheint es auch Gang und Gäbe zu sein, "billige"
Schlangen, wie einen Königspython, zusammen mit einem vermeintlich
infizierten Neuzugang zu halten, und dann einen evtl. Krankheitsverlauf
bei dem billigeren Königspython festzustellen. Von dieser makaberen
Diagnose möchten wir uns natürlich distanzieren, es kann nicht
Sinn sein, ein Tier für ein anderes sterben zu lassen, egal welchen
Marktwert es hat. Diese Methode ist auch nicht unbedingt |
zuverlässig, denn um den Königspython zu infizieren,
muß die Boa das Virus ausscheiden. Im Moment ist nicht bekannt, ob
diese Virusausscheidung bei einem infizierten, aber symptomfreien Tier (und
nur solche werden ja gekauft) überhaupt stattfindet, so dass man sich
nach einem solchen Test auch in falscher Sicherheit wiegen kann. Es ist
eher wahrscheinlich, dass das Virus in solchen Phasen in körpereigenen
Organen inaktiv versteckt bleibt und gar nicht ausgeschieden wird.
Selbst auf deutschen Foren (reptilien.de/reptilienserver.de) sind schon
Anfragen gewesen, die nach "zur Verfügung-Stellung von zu vielen
Tieren aus privaten Haltungen" fragten, und die Vermutung aufkommen
lassen könnten, ähnliche Verfahrensweisen sind auch schon in Deutschland
üblich.
Ansonsten bleibt jedem nur die Einhaltung von Quarantäne und Quarantäne-Zeiten,
bei Boas ist diese mit mehreren Bluttests oder Leberbiopsie zu begleiten,
um IBD so weit wie möglich ausschließen zu können. |
|
IBD ist war vor einigen Jahren ein Thema, welches sich langsam
in den Brennpunkt der öffentlichen Diskussion schob. Es folgte ein
kurzer Hype, gefolgt von abnehmendem Interesse.
Heute wird IBD unserer Meinung nach viel zu vernachlässigt und verharmlost,
getreu dem Motto "mich trifft das nicht, das trifft nur andere".
Wenn es denn aber mal getroffen hat, ist Holland in Not, und das macht die
Krankheit so fatal.
Das mag auch daran liegen, dass sicherlich einige Tiere sterben, ohne dass
IBD diagnostiziert worden ist oder eine eventuelle Diagnose nicht großartig
publiziert wurde (ist ja auch nicht meldepflichtig!).
Immer mehr setzt sich die "Ersatz-Haltung" durch: stirbt ein Tier,
wird nicht nach Gründen gesucht, sondern nach Kleinanzeigen für
einen Ersatz. Das macht die ganze Sache nicht gerade einfacher.
Inoffizielle Meldungen, Berichte und Gespräche sagen uns aber, dass
IBD alles andere als eine Randerscheinung ist, und gerade bei Boas ist es
heute schon fast schwieriger, Züchter ohne anheftenden IBD-Gerüchten
zu finden als mit.
Problematisch ist aber zur Zeit sicherlich die medizinische Unterstützung,
die manchem einfach zu wenig ist. Das betrifft Ursachenforschung, Behandlung
als auch Routinen und Medikamente zur Diagnose.
Alle drei genannten Punkte befinden sich trotz jahrelanger Forschung noch
immer am Ausgangspunkt, ohne groß weitergekommen zu sein.
Betrachtet man diese Krankheit wirtschaftlich, wird sich die "professionelle"
Fürsorge wohl erst ändern, wenn entweder genügend Geldgeber
gefunden worden sind oder sich eine Entwicklung, Herstellung und Vermarktung
von Medikamenten wirtschaftlich für ein Pharma-Unternehmen lohnt.
Bis dahin hat man sich weiten Teils auf die gegebenen, nicht immer 100%igen
Bluttests oder Aussagen von Züchtern und Verkäufern zu verlassen.
Und damit, das sollte jedem klar sein, auf die Einhaltung der im 3. Teil
beschriebenen Maßnahmen zur Eindämmung dieser Krankheit.
|
Hier der schon oben erwähnte Effekt, dass die
Augen jeweils andere Reaktionen hervorrufen.
Hier ist die rechte Pupille des Auges mehr geweitet als die linke, was
ein Anzeichen für IBD sein kann. (Bitte Foto anklicken für eine
Vergrößerung)
|
Für die zur Verfügung-Stellung der Fotos herzlichen Dank an Dr.
Elliott Jacobson , University of Florida
|